„Dance to express, not to impress“

In diesem berühmten Tanzspruch steckt so viel Wahrheit und gleichzeitig aber auch Verwechslungpotential. Wo hört persönlicher Ausdruck auf und wo beginnt pure Angeberei? Gibt es eine graue Zone?
Eine schwierige Frage, oder?

Für diesen Artikel wurde ich durch einen anderen tollen Artikel inspiriert, zu dem ich meine Gedanken gerne hinzufügen würde.
Ich ermutige dich, ihn zu lesen. 😉 Wenn du dieses Intro aber überspringen willst, und die schnelle Antwort auf die Titelfrage suchst, dann kannst du direkt zum Ende des Artikels switchen,

Kurz zusammen gefasst. In dem anderen Artikel geht es hauptsächlich darum, dass man mit Gefühl tanzen sollte und nicht um Likes, Blicke der Bewunderung oder Wertungspunkte zu sammeln. Man sollte mit dem Herzen tanzen. Mit dem Gefühl

Im Wesentlichen stimme ich dem Autor völlig zu. Er beschreibt einige mir persönlich sehr wertvolle Gedanken, die im Social Dance essentiell sind.

Auch stimmt es, dass durch Social Media eher die coole und fancy Seite des Tanzens „promotet“ wird.
Wo ist da das Problem?
Wird das Gefühl durch den Wunsch eines guten Aussehens beeinflusst?

Und genau da liegt der springende Punkt des Artikels, der im Artikel selbst nicht erwähnt wird. Um welche „Disziplin“ geht es hier?
Geht es um den Social Dance oder um das Show Performing?
Und genau da muss man, glaube ich, ansetzen.

Eine Show Performance bietet in erster Linie die Möglichkeit, einem Lied (oder mehreren) durch den tänzerischen Ausdruck eine ästhetische körperliche Form zu geben. Die Musikinterpretation auf dem höchsten Level gepaart mit der maximal zu erreichenden Raffiniertheit des jeweiligen Tanzstiles ergeben ein Spektakel für die Zuschauer.
Genau… Zuschauer. Eine Show ohne Zuschauer ist eher ein Training, oder?
Und natürlich geht es bei einer Show auch darum, die Zuschauer zu inspirieren, um ihnen die eigene Interpretation des Tanzstiles zu zeigen. Sie zu beeindrucken. Von alldem ein bisschen und noch viel mehr.

Im Social Dance wiederum sollte es mehr darum gehen, dass sich mein Partner und idealerweise auch ich nach dem Tanz besser fühlen als vorher. Natürlich sollte auch der tänzerische Ausdruck nicht zu kurz kommen, allerdings steht der für mich in Zusammenhang mit dem Wohlgefühl des Partners. Es geht um die Flexibilität und ein konstantes Feedback, Aufnehmen, Auswerten und in der gegebenen Situation anpassen – eben situationselastisch zu sein. 🙂
Der erste Teil ist jedoch auch bei den Shows sehr wichtig (der Teil vor der Flexibilität). Nur auf einem viiieeeeel höheren Niveau. Um das zu erreichen, müssen die Showperformer oft Monate lang üben, um diese Präzision und Komplexität zu erreichen.

Das wahre Problem 

Das wahre Problem beginnt, wenn man die Performance von der Bühne auf die Social Tanzfläche bringen will.
Das ist nur für 0,1% der TänzerInnen möglich und selbst für sie nicht immer. Denn der Partner muss auch passend dazu sein.

Die Problematik beginnt damit, dass Instruktoren (die gleichzeitig auch Performer sind) in ihrem Unterricht Moves und Figuren (aus ihren Performances) unterrichten, die nicht wirklich für die Social Tanzfläche geeignet sind. Moves, die im Schwierigkeitsgrad nicht modellierbar sind und nur auf Basis von Hop oder Trop ausgeführt werden können.
Diese Moves schauen zwar super cool und fancy aus, bringen jedoch leider nicht den Effekt, den wir im Social Dance haben möchten. Weil sie aber super cool aussehen, finden sie trotzdem bei den SchülerInnen Anklang.

Leider jedoch sehen diese Moves zwar „an“ den Instruktoren gut aus, jedoch bei den meisten Hobby Social Dancer nicht ganz so sehr. Das wäre ja nicht so schlimm, würden nicht diese fancy Moves oft auf der Social Tanzfläche einfach kein gutes Gefühl bei den PartnerInnen hinterlassen. Und manche dieser Moves haben auch ein ordentliches Verletzungsrisiko.

Die wahre Stärke eines Lehrers, meiner Meinung nach, ist dem Schüler nicht nur das zu geben, was er sich wünscht, sondern auch das, was er oder sie braucht, um dies zu erreichen.
Die Tools für das berühmte Gefühl!

Und das ist nicht immer nur „cooles Zeug“. Leider.
Gleichzeitig natürlich wollen wir Lehrer unseren KursteilnehmerInnen auch die sogenannten Quick Wins bescheren. Sie sollen immer (oder immer wieder) auch das Gefühl haben, dass sie gut unterwegs sind, und dass sie es schaffen können. Das motiviert sie, weiter dem Social Dance treu zu bleiben und einen positiven „Abdruck“ in der Community zu hinterlassen.
Frustrierte und falsch trainierte Social Dancer sind meiner Meinung nach kein großer Gewinn für ihre nähere (Tanz)Umgebung. Es tut mir leid, das sagen zu müssen.

Ich möchte nicht werten, sondern mit diesem Artikel schlussendlich deine eigene Fähigkeit anregen, kritisch zu denken.
Denn es ist egal, wie gut und schnell du etwas lernen kannst, wenn das, was du lernst,  nicht das Richtige für dich ist.

Wie erkenne ich, ob die Figur Social tauglich ist?

Analysiere, ob der Move, den du lernen willst auch mit jemanden anderen, (des gleichen Levels) tanzbar wäre. Wenn nicht, warum nicht? Kann man etwas diesbezüglich abändern?
Wenn der Move nur unter idealen Konditionen (z.B. wenn dein Partner weiß, dass der Move kommen wird) funktionieren kann, dann ist er wahrscheinlich in dieser Phase deines Tanzens noch nicht für die Social Tanzfläche geeignet.

Auf welchen Basic Elementen basiert der Move? Was sind die Skills, die du zur optimaler Ausführung gemeistert haben sollst. Hast du diese Skills?

Das alles meine ich mit kritisch. Nehme nicht einfach für selbstverständlich, was dein Instruktor sagt. Damit meine ich auch mich selbst!
Hinterfrage es. Stelle auch dem Instruktor oder der Instruktorin diese Fragen.
Wenn die unterrichtende Person auf eine der oben erwähnten Fragen keine zufrieden stellende Antwort gibt, dann sollten deine Alarmglocken bereits läuten. Ich meine damit nicht, dass diese Trainingseinheit um sonst war. Ganz im Gegenteil. Es war ein gutes Training. Aber der Move ist einfach noch nicht für die Tanzfläche geeignet. Nicht mehr und nicht weniger. Der Move ist deswegen nicht unbedingt weniger wertvoll. Der Einsatzbereich ist nur ein anderer.
Und genau das würde ich mir von einigen meinen/r KollegInnen (speziell in der Afro-Latin Szene) wünschen – dass sie in ihren Kursen ehrlich vermitteln, ob die unterrichtende Figuren social oder eben nicht unbedingt social tauglich ist – auch Level bezogen bewertet. Und im Fall der nicht social tauglichen Figur, wäre es ideal, eine eben social taugliche Variante auch zu haben. Dann wäre meine Welt in Ordnung. 😉
Das würde schon für einige Klarheit (und Sicherheit) auf dem Social Dancefloor sorgen.

Gleichzeitig wünsche ich mir, dass du neugierig bleibst und immer wieder nach Wegen suchst, deinen Tanz mit neuem Wissen und neuem Glanz zu erweitern.

Be thoughtful and curious,

Dance And Make A Difference

Du kannst jetzt diesen Artikel als PDF herunterladen! 😉