Wie sieht die Situation in den meisten Tanzschulen und Tanzstudios der Welt aus? Was ist meistens das erste, das den Schülern in ihren ersten Stunden vermittelt wird?
Richtig – Schritte! Vorwärts, Side, Rück, am Platz…

Ist das jetzt falsch? 

Hmmm…. Das würde ich nicht unbedingt sagen… Aber es fehlt etwas. Es fehlt die Quelle dieser Schritte. Warum ist das ein Vorwärtsschritt, warum zur Seite? Was ist die Ursache dieser Richtungswechsel?

Es fehlt oft die Verbindung der besagten Schritte zum Rest des Körpers.
Wie z.B. zum Oberkörper oder auch zu unseren Gedanken – der Idee.
Als wir noch vor mehr als einem Jahrzehnt die Schritte als Konsequenz der Oberkörperbewegung vermittelt haben, um damit die Harmonie im eigenen Körper und damit auch Harmonie im Paar zu fördern, wurden wir mancherorts verständnislos hinterfragt.

Geht es zunächst nicht mal vielmehr um die Schritte und dann um die Harmonie?
Wir haben natürlich unbeirrt weitergemacht und sind unseren Weg gegangen. Jeder hat die Wahl…

Das führt uns zur Auflösung des Rätsels im Titel – der häufigste Irrglaube ist, dass die Positionierung unserer Füße zuerst kommt und dann der Rest.

Wir stellen oft im Unterricht diese Fragen – wie sehen die Schritte des Leaders aus? Wo steigt sie hin? Wo geht mein Fuß hin?
Die richtige Frage ist eine andere – was passiert mit meinem Balance-Zentrum?

Unser Balance-Zentrum

Das Balance-Zentrum – in Englisch „Center Point of Balance“ – ist eigentlich das zentrale Element in unserem Tanzen. Wahrscheinlich deswegen der Name. 🙂
Er befindet sich auf der Höhe des Solar Plexus und hat ungefähr eine Größe eines Tennisballs.
Er soll die Quelle der meisten Bewegungen im Tanzen sein. Wenn dem nicht so ist, wirkt unser Tanzen etwas unkontrolliert und „synthetisch“. Nicht ganz natürlich, würde ich sagen.

Was hat das auf sich? 

Na ja, in unserem Alltag bewegen wir uns auch so, dass wir zuerst unser Balance-Zentrum bewegen und dann erst (unmittelbar danach) die Füße. Wenn du mir nicht glaubst, mach´ einfach ein paar Schritte und du wirst feststellen, dass sich dein Oberkörper vor den Füßen zu bewegen beginnt, wenn du irgendwohin gehen möchte.
Da gibt es also einen Zusammenhang.

Hab´ übrigens die Analyse auch schon auf die Couch ausgedehnt…was passiert nämlich, wenn ich von der Couch aufstehen möchte? Richtig! Das Balance Zentrum macht den Anfang! 😉 Und im Tanzen, wo unsere Bewegungen noch viel kontrollierter und koordinierter sein sollen, wird dieser Zusammenhang noch wichtiger, klarer Weise.

Mit anderen Worten, wir tanzen einen Vorwärtsschritt, weil sich unser Balance-Zentrum nach vorne bewegt und der Schritt wird unter dem Körper gesetzt. Sonst fallen wir um! 🙂
Dementsprechend haben wir unseren Körper vorwärts bewegt und der Schritt bleibt unter dem Balance-Zentrum. Zumindest in der Basisversion – denn je nach Tanz und Dynamik der Bewegung – kann der freie Fuß in Folge schneller vorauseilen, um das Zentrum behutsam zu empfangen, weiter gleiten zu lassen oder auch zu beschleunigen bzw. zu verlangsam.

Auf jeden Fall ist es in unserem Tanzen meist nicht erwünscht, dass die Position unserer Schritte (Füße) unser Zentrum bewegt und bestimmt.

Das Balance-Zentrum soll sich ja nicht wegen der Schritte bewegen, sondern umgekehrt. Noch besser ist es, dass sich das Balance-Zentrum wegen einer Idee bewegt (z.B. das Aufstehen auf der Couch) und sich dadurch – ohne genau darüber zu tüfteln – der Rest des Körpers “automagisch“ fügt.
Damit kann es uns kaum passieren, dass wir zu große Schritte tanzen oder unkontrolliert in unserer Bewegung sind.

Also zusammenfassend würde ich sagen:

Finde die IDEE, warum bzw. wozu du eine Bewegung machen möchtest, aktiviere dein Balance-Zentrum und voila, die Schritte kommen natürlich wie von selbst.

Ja, ja… jetzt kommt sicher: „EINSPRUCH! Und was ist mit dem Rhythmus?
Genau das ist der Punkt, der für die meisten Menschen die eigentliche Herausforderung ist. Den Rhythmus zur jeweiligen Musik zu finden und diesen in die Idee umzusetzen.
Das ist es eigentlich, was es zunächst bei neuen Tänzen zu erlernen gibt. D.h. wie finde ich den Rhythmus in der jeweiligen Musik? Kann ich ihn erkennen und ihn z.B. schnipsen, klatschen oder mitsingen?

Und du hast richtig kombiniert. Das erlernt man am besten, wenn man viel Musik hört und sich mal frei (am Anfang noch ohne Partner) zu dieser bewegt. Das erleichtert das „Tanzenlernen“ ungemein.
Doch dieser Ansatz braucht einen eigenen Artikel. Oder gleich ein ganzes Buch… 🙂

Denn es gibt noch einen wichtigen Zusatz zu unseren „automagischen“ Schritten…

Sending & Receiving Leg

Um mehr Kontrolle zu erlangen, gibt es dieses Prinzip vom „Sending Leg“. Es ist das Gleiche gemeint wie Standing Leg oder das Standbein, nur dass diesem Bein noch eine Zusatzfunktion verliehen wird als nur Stehen. Sending Leg sendet den Körper nach vorne und das receiving Leg fangt die Bewegung ab.

So weit so gut.
Warum ist dieses Prinzip aber so besonders?
Ich würde sogar noch weiter gehen. Ich würde sagen, es ist genial!

Es ist deswegen genial, weil wir zu oft mit unserem sogenannten Spielbein unsere Schritte vollziehen und dann diesen praktisch ausgeliefert sind. Stattdessen sollten wir die Schritte viel mehr aus dem Standbein oder besser gesagt aus dem Sendebein gestalten, da dieses Bein eine direktere Verbindung mit dem Center Point of Balance hat. 

Zwischen dem Senden und dem Empfangen entsteht ein kleines Zeitfenster in dem der Körper für kurze Zeit schwebt. Skippy Blair nennt das Body Flight. Das führt zu dem berühmten Schweben über das Parkett.

Damit bekommen wir eine viel geschmeidigere und kontrolliertere Bewegung und wirken als viel geübtere und routiniertere TänzerInnen.

Wer will das nicht!?

Fazit

Es bleibt also insgesamt nur eine Frage, die wirklich wichtig ist:

Wohin soll sich unser Balance-Zentrum bewegen bzw. drehen?
Die Schritte (Füße) werden folgen. Punkt.

Dadurch widmen wir uns viel mehr der eigentlichen Funktion, die wir mit unserer Bewegung erzeugen wollen statt gewissen Linien oder Formen.

Funktion kommt zuerst.

Ein Beispiel im Salsa anhand eines Cross Body Leads:

Die simple Funktion besteht darin, dass der Leader dem Follower den Weg öffnet, damit sie an ihm vorbei gehen kann. Dann folgt er ihr nach und dreht sich am Ende zu ihr.
Also dreht er seinen Körper nach links (ÖFFNET), damit sie vorbei kann, BEOBACHTET sie während sie es tut, und wenn sie ihn passiert, dreht er sich wieder zu ihr (SCHLIESST). Während dessen sollten beide ihren Salsarhythmus unter dem Körper vertanzen. Finita la fiesta, wie unser lieber Albert sagt.

Und die Schritte? 

Ach ja – drunter! Punkt!

Noch Fragen? 😉

In den letzten Wochen und Monaten haben wir immer mehr realisiert, wie essentiell dieses Konzept der Bewegung ist, und wie sehr es unseren TänzerInnen hilft, das Ganze zu überblicken, dann die richtigen Tools in der richtigen Situation anzuwenden und den Tanz dementsprechend zu meistern.

Wir hoffen, dass wir dir mit diesem Artikel diese Idee ein wenig greifbarer machen konnten.

Step underneath your body,

Dance And Make A Difference

P.S. Ich habe eine für dich wichtige Ankündigung! Ich lade dich und alle Interessierte ein, unserer brandneuen kostenlosen Facebook-Gruppe SOCIAL DANCING COMMUNITY beizutreten. Diese Gruppe soll ein Ort werden, an dem sich gleichgesinnte TänzerInnen treffen, ihre Erfahrungen austauschen und auch voneinander lernen. In diesem spezifischen Blog fehlt uns ein wenig der Austausch, da die Kommunikation meistens in eine Richtung stattfindet. In dieser Gruppe aber sehen wir eine Chance des besseren Austausches, wo wir uns mehr mit den speziellen Herausforderungen und eventuellen Problemen unserer Community beschäftigen können. Wir werden dort immer wieder auch mit LIVE-Videos gewisse Themen ansprechen, um sie mit allen Mitglieder zu diskutieren und gemeinsam nach Lösungen suchen. Und? Bist du dabei? Dann klicke hier und lerne mit uns gemeinsam!