Dies ist ein Gastartikel von unserem lieben Tanzkollegen Michael Kaufmann zu einem Thema, das wir bereits in der Vergangenheit in diesem Blog veröffentlicht haben. In diesem Artikel bringt Michi ein Licht von der anderen Seite hinein und wir sind ihm dafür sehr dankbar!
Na dann, Bühne frei für einen Turniertänzer im Social Dancing Blog! 🙂
Erstmal „Hallo“ an alle Social-, Turnier- oder auch Nicht-TänzerInnen die diese Zeilen gerade lesen. Normalerweise würde man hier einen Text von Conny oder Dado erwarten, diesmal musst du dich (leider?) mit mir zufriedengeben. 😉

Das Thema rund um die Unterschiede und Meinungen zum Turniertanz im Vergleich zum Social Dance wurde ja bereits von Conny in einem älteren Post behandelt. Da ich ihr in vielerlei Hinsicht zustimme, könnte es passieren, dass ich mich eventuell in manchen Punkten wiederhole.

Zunächst jedoch ein paar Infos über mich.

Wie ich zum Turniertanz kam

Normalerweise ist es üblich, dass sich Turniertanzpaare aus der Tanzschule hinausentwickeln. Also zunächst sagen wir mal Kurse bis hin zum „Gold-Status“ machen und sich dann entscheiden ihre Leidenschaft zum Leistungssport zu machen. Bei mir war das anders. Ich bin direkt in den Tanzsport eingestiegen. Als meine Mutter mich an eine Partnerin vermittelte (Danke Mama!) war ich bereits 17 Jahre alt. Später konnte ich auch Erfahrungen in der Tanzschule sammeln. Nicht nur als Schüler, sondern in weiterer Folge auch als Assistent. Meine ersten Lehrerfahrungen habe ich also im Social Dance gesammelt. Seit dem ist nicht nur das Tanzen selbst sondern auch das Unterrichten zu meiner Leidenschaft geworden.

Wieso man Äpfel nicht mit Birnen vergleichen kann

Wie angekündigt wiederhole ich hier das, was Conny bereits so schön zusammengefasst hat. Social Dance mit Turniertanz zu vergleichen, ist als würde man Äpfel mit Birnen vergleichen. Es sind eben zwei unterschiedliche Dinge, mit unterschiedlichen Eigenschaften und Qualitäten. Die Frage „Was ist besser oder schlechter?“ passt also einfach nicht. Besser wäre: „Was ist mir persönlich lieber?“

Es ist eben eine Geschmackssache. Jeder muss selbst entscheiden, was einen interessiert, was einen begeistert. Ob Latein, Standard, Salsa, Bachata, Contemporary, Hip Hop, West Coast Swing und und und..der Tanz ermöglicht es, uns auf verschiedenste Weisen zu entfalten. Wie genau bleibt jedem selbst überlassen.

Trotzdem werden Turniertänzer und Social Tänzer gern mit einander verglichen. Der Unterschied liegt in der Art und Weise wie man sich mit dem Tanz beschäftigt. Turniertänzer trainieren, sagen wir einmal mindestens 3 Mal die Woche, nehmen Privatstunden, besuchen Gruppenstunden oder arbeiten alleine an ihren Fähigkeiten. Turniertanz ist ein Leistungssport. Es geht um Ausdauer und Kraft. Ein Tanz mit 200 Schritten pro Minute ist mit einem 400-Meter-Sprint zu vergleichen!
Das ist ganz schön anstrengend und trotzdem soll es dabei so aussehen, als wäre es das leichteste auf der Welt.
Mich hat schon immer der Ehrgeiz geritten. Der Biss der hinter dem Training steckt. Sich und seine Fähigkeiten verbessern zu wollen. Auf ein Ziel hinzuarbeiten und sich mit anderen zu messen.

Aber das ist nicht der einzige Aspekt der das Turniertanzen für mich einzigartig macht. Durch den Sport konnte ich nicht nur lernen meinen Körper gezielter und kontrollierter einzusetzen. Meine Zielstrebigkeit hat sich weiterentwickelt, sowie die Art und Weise wie ich mit Misserfolgen umgehe. Man lernt nicht nur körperlich, sondern auch mental sehr viel über sich und wie man an sich als Mensch arbeiten kann.

Das muss nicht jedermanns Sache sein. Man spezialisiert sich auf einen kleinen Bereich des Tanzes. Während andere vielleicht lieber eine große Bandbreite an Tänzen ausprobieren wollen. Wie gesagt: Jedem das seine. Man kann es eben nicht vergleichen.

Ich liebe den Tanz. In allen Facetten. Ich sehe mir gerne Videos von Turniertanz-Wettbewerben an, genauso aber auch von Hip Hop Meisterschaften.  Ich besuche zurzeit einen Salsa Kurs bei Conny und Dado. Bei Trainingslagern laden wir die Beiden und Adi immer wieder gerne zu uns in den Club ein, um den Paaren auch andere Seiten des Tanzes zu präsentieren. Anders als man vielleicht von Turniertänzer hört, versuchen wir uns nicht vor anderen Tanzstilen zu verschließen. Was mich gleich zum nächsten Punkt bringt.

Vorurteile über Turniertänzer

Aus irgendeinem Grund haben sich so manche Meinungen über das Turniertanzen bzw. über die Tänzer in manchen Köpfen festgesetzt. Ich kann natürlich nur meine Sicht der Dinge wiedergeben, nach Jahre langer Erfahrung in der Tanzwelt, sowohl im Turniertanz als auch in der Tanzschule denke ich aber, dass ich schon so einiges gesehen habe.

1. Turniertanz ist nur etwas für technisch hochbegabte

Ab und zu kommt es vor, dass ich mit Tanzschul-Tänzern spreche und frage: „Hast du noch nie daran gedacht, einmal Turniertanzen auszuprobieren?“ – Als Antwort kommt dann manchmal: „Nein! Dafür bin ich ja viel zu schlecht! Das ist ja viel zu schwer“

Ähm..Hallo? Wer sagt denn, dass man als „Turniertanz-Neuling“ schon ein Profi sein muss? Aus irgendeinem Grund haben manche Leute den Eindruck man müsste bereits gewisse Fähigkeiten mitbringen um bei uns anfangen zu können. Ein Vorteil ist es natürlich, wenn man bereits tänzerische Vorerfahrungen hat. Ein MUSS? – Keinesfalls. Ich bin das beste Beispiel!

2. Beim Turniertanzen ist kein Platz für Spaß

Ok das ist einfach nur lächerlich. Natürlich ist es nicht immer lustig im Training zu stehen und immer wieder an derselben Bewegung zu arbeiten.  Ich denke niemand ist Turniertänzer weil er so gerne über Fußtechnik nachdenkt.  Es ist eben ein Mittel zum Zweck. Ohne geht es halt nicht. Der Spaß an der Sache ist in meinen Augen jedoch ein essentieller Erfolgsfaktor. Jemand der beim Tanzen keine Freude zeigt und technisch noch so perfekt ist sein mag, wird trotzdem nicht so gern von außen beobachtet werden wie jemand der beim Tanzen echte Emotionen zeigt.

3. Turniertänzer sind arrogant

Mit diesem Vorurteil haben Turniertänzer häufig zu kämpfen. Wer dieses Urteil fällt kennt vermutlich wenig Turniertänzer tatsächlich persönlich. Auf der Fläche präsentieren wir uns natürlich so gut es geht. Schließlich müssen wir ja zwischen den anderen Paaren hervorstechen.  Da bringt es nichts verhalten auf den Boden zu schauen. Statt arrogant sollte man lieber „selbstbewusst“ sagen. Jedoch heißt das nicht, dass man diese Eigenschaft zwangsläufig bereits vor dem Beginn der „Tanzkarriere“ mitbringen muss. Im Gegenteil, der Sport bringt einen meiner Meinung nach, nicht nur körperlich, sondern auch „psychisch“ weiter – wenn man das so sagen kann.

4. Turniertänzer tanzen nicht auf die Musik 

„Die tanzen doch nur ihre Choreo hinunter. Die hören ja gar nicht zu.“ Das musste ich mir schon einige Male anhören. Ja in einem Turnier sind wir an unsere Choreografie gebunden. Dadurch haben wir nur schwer die Möglichkeit uns spontan an Akzente der Musik anzupassen. Wenige Ausnahmen sind dazu in der Lage. Vor diesen Paaren habe ich den größten Respekt. Das heißt nicht, dass man beim Tanzsport grundsätzlich nicht hinhört. Nur eben anders. Wir müssen uns eben mehr auf den Takt als auf einzelne Elemente eines Liedes konzentrieren.

5. Turniertänzer können nicht führen

Und wieder heißt das Thema „Choreo tanzen“. „Die können nicht führen, weil die tanzen ja eh nur ihre Choreo runter“. Bei diesem Satz wird sich jeder Turniertänzer ärgern. Ja wir haben unsere Choreografie, ja wir sollten beide wissen was als nächstes passiert, jedoch wird der Tanz niemals so gut funktionieren und vor allem sich auch nicht gut anfühlen (!), wenn wir nicht miteinander tanzen! Also wenn wir nicht darauf hören was der Partner uns mit seinem Körper sagt. Besonders in den offenen Choreografien ist es ohne Führung unmöglich harmonisch zu tanzen!

Was wir voneinander lernen können 

Dieser Teil ist des Posts ist mir besonders wichtig. Denn obwohl man Social Dance nicht wirklich mit dem Tanzsport vergleichen kann, können wir trotzdem viel voneinander lernen.  Turniertänzer sind Technikreiter das ist klar. Denn ohne gibt es nichts was objektiv in den Turnieren verglichen werden kann. Wir trainieren unsere gesamte „Tanzkarriere“ (meistens) mit der gleichen Partnerin, bis man komplett aufeinander eingespielt ist. Social Dancer sind es gewohnt mit vielen verschiedenen Personen zu tanzen, was dazu führt, dass sie schneller lernen auf andere Partner zu hören und einzugehen. Sei es beim Folgen oder beim Führen.

Meinen Schülern lege ich daher gerne nahe selbst ab und zu einen Übungsabend in der Tanzschule zu besuchen. Erstens, um einmal die Turniersituation zu vergessen und einfach nur Spaß zu haben und um zu lernen, mit anderen zu tanzen.

Jede Art des Tanzes hat also, wie bereits erwähnt unterschiedliche Qualitäten. Beides hat seine Berechtigung. Jeder soll in das Tanzen so viel investieren wie er oder sie möchte, und ebenso auf welche Art und Weise.

It’s your choice! Just dance!