Vielfalt im Social Dance kann normalerweise nur ein Vorteil sein.
Oder doch nicht?
Die Lieblingsantwort aller sogenannter Experten kommt jetzt:
Es hängt davon ab!

Tatsächlich ist es wirklich so, dass es Vor- und Nachteile gibt. Die wiederum hängen von der Perspektive ab, was man sich vom Social Dance erwartet und wohin man damit will. Will man in einen Tanzstil richtig eintauchen, ihn inhalieren, atmen und von innen nach aussen erleben?

Oder liebt man doch die Flexibilität und die „Situationselastizität“ der Vielfalt im Social Dance, sodass man zu praktisch jeder Tanzmusik einen Tanzstil „auf Lager“ hat, mit dem man die Musik vertanzen kann.

Ich werde gleich am Anfang meine Meinung abgeben: es gibt dazu kein Rezept oder eine richtige Antwort.

Dieses Thema ist so subjektiv und individuell, dass es einfach keine Pauschallösung dafür gibt.
Wie so oft im Social Dance…
Aber ich würde trotzdem auf einige der wichtigsten Faktoren hinweisen, deren man sich bewußt werden sollte.

Kontra Vielfalt

Wir sind nicht Multitasking fähig

Gegen das gleichzeitige Lernen von mehreren Tanzstilen spricht die Tatsache, dass wir Menschen einfach nicht multitasking fähig sind. Wir machen trotzdem immer nur eines nach dem anderen. Zumindest schenken wir immer nur einer Sache, die wir gerade tun, unsere volle Aufmerksamkeit.

Mit anderen Worten, man soll nicht erwarten, dass man z.B. zwei ganz unterschiedliche Tanzstile gleich gut und gleich schnell lernen kann.

Die Wahrscheinlichkeit, dass man in einem Tanzstil schneller und leichter lernt als in dem anderen ist ziemlich hoch.

Der Fokus auf das Eine fehlt

Das beruht natürlich auf dem obigen Absatz. Wenn wir uns auf diese eine Sache (einen Tanzstil) konzentrieren dürfen/können/müssen, dann bündeln wir unsere Energie in diese bestimmte Richtung und erhöhen damit ihre Wirkung um ein Vielfaches. Wie wenn wir Sonnenstrahlen mit einer Lupe bündeln und damit ein Blatt Papier zum Brennen bringen. Ohne Lupe wird das Papier maximal von der Sonne etwas warm. Die Lupe symbolisiert hier den Fokus auf eine bestimmte Aufgabe.

Es ist natürlich klar, dass man mit dieser Art Fokus schneller etwas ganz bestimmtes erlernen kann.

Du könntest die verschiedenen Tanzstile durcheinander bringen

Wie oft habe ich schon von unseren TänzerInnen gehört, dass sie z.B. im Salsa in den Discofox-Schritt hineinschlittern oder umgekehrt…
Manche Tanzstile haben entweder einen ähnlichen Rhythmus oder ähnliche Figuren oder beides zusammen. Die einen beginnen mit derm rechten Fuß, die anderen wieder mit dem anderen Rechten…
Ja, das ist sicherlich ein Faktor, der viele Beginner immer wieder zur Verzweiflung bringt.
Tatsache ist, dass nach einer gewissen Zeit (kürzer als man glaubt) unser Körper und unser Geist in einen Modus kommen, wo vieles im Social Dance automatisch wird. Somit auch der Rhythmus und die für den Tanz spezifische Elemente und Bewegungen.

Aber keine Frage, eine klare Unterscheidung zwischen ähnlichen Tänzen kann manchmal ziemlich schwierig sein.

Du wirst mit unterschiedlichen Ausführungen konfrontiert

Damit sind die unterschiedlichen Zugänge in verschiedenen Tänzen und die darausfolgenden Bewegungen bzw. Lead&Follow-Techniken gemeint. Die Art der Connection mit dem Partner oder Partnerin in Salsa ist normalerweise eine andere wie im Lindy Hop. Normalerweise… Aber mehr dazu im unteren Teil. 😉
Das kann einen am Anfang ganz schön verwirren.

Beschäftigen wir uns jetzt mit einigen Sachen, die für die Vielfalt im Social Dance sprechen.

Pro Vielfalt

Flexibilität – für jede Stimmung ein passender Tanzstil

Das ist schon ein tolles und ein erfüllendes Gefühl, wenn du dich zu praktisch jeder Tanzmusik „passend“ bewegen kannst. Es gibt einem das Gefühl der Freiheit.
Natürlich kannst du immer irgendwie dazu tanzen, wenn es dir danach ist. Aber die Betonung liegt auf „passend„. Sprich, so zu tanzen, dass es den „Regeln“ des jeweiligen Tanzstil entspricht.
Jeder Tanzstil hat auch eine bestimmte Art der Energie und Stimmung, die er verbreitet. Zum Beispiel Tango vs. Lindy Hop. Salsa vs. Ballroom. West Coast Swing vs. Kizomba. Vor allem im direkten Vergleich, wird es einem klar, was für eine unterschiedliche Wirkung diese Tanzstile auf uns ausüben.

Abwechslung

Das ist ein Biggie für mich! Wer mag schon Monotonie?
Nicht dass es einem schnell fad wird, wenn man sich „nur“ einem Tanz widmet. Es kann aber unheimlich „erheiternd“ sein, wenn du zum Beispiel am Montag zu einem Salsakurs gehst, am Donnerstag zum Lindy Hop und am Freitag gehst du zu unserer Dance Night (unser Übungsabend in der Tanzschule), wo du beides (oder mehr) nach Belieben abwechseln kannst. Andere Musik – andere Stimmung – anderes Gefühl. Das kann sehr motivierend sein.

Unterschiedliche Skills & Tools des Social Dance

Multistil-TänzerInnen verfügen insgesamt über mehr unterschiedliche Tools und Skills der Interaktion und Kommunikation im Social Dance. Es ist was Tolles, wenn du unterschiedliche Tools zur Verfügung hast, die du nach Bedarf einsetzen kannst. Das macht einen auch selbstbewusster und sicherer auf der Tanzfläche.

Ausweichmöglichkeit

Ich sehe immer wieder unsere TänzerInnen auf ein frustrierendes Lernpleateau in einem Tanz schlittern. Manche „beissen“ sich einfach durch, manche hören sogar auf zu tanzen. Aber die Multistil-TänzerInnen unter ihnen weichen für eine kurze (oder längere) Zeit zu einem anderen Tanzstil aus, wo sie in diesem Moment mehr zurück bekommen. Oft ist es dann so, dass wenn man sich  wieder dem „Problemtanz“ widmet, der Durchbruch fast von alleine bereits geschehen ist oder viel leichter erfolgt.
Manchmal braucht man einfach eine Pause oder eine Ablenkung. Manchmal braucht man Abstand von einem Stil und einen frischen Blickwinkel. Davon haben die meisten „VielfaltTänzerInnen“ im Überfluß.
Sie haben mehr Optionen durch ihre Vielfalt.

Höheres Fusionpotential

Fusionen im Social Dance sind in den letzten Jahren sehr modern geworden. Die meisten Tanzstile, die ich kenne, wurden schon durch andere Stile direkt oder indirekt beeinflußt. Wenn du z.B.  Bachata und Tango kennst/kannst, hast du perfekte Voraussetzungen für den Bachatango. Dabei muss es gar nicht eine spezifische und deklarierte Fusion sein. Multistil-TänzerInnen kombinieren nach Belieben Elemente von einem Stil mit denen des anderes und kreieren damit ihren eigenen Style & Feel. Das macht dann schon einen riesen Spaß! Ich sehe immer die Augen unserer Leute besonders viel glitzern, wenn sie etwas von einem Stil, den sie kennen, in den anderen einbauen können. Man hat das Gefühl, dass man mit einem Auto gleichzeitig fahren, schwimmen und fliegen kann.

Du lernst, bescheiden zu bleiben/werden

Wie jetzt?
Na ja, z.B. Conny und ich sind ewige Beginner in irgendeinem Tanz, den wir gerade neu erlernen. Das (unter anderem) hält uns ganz schön am Boden.

Je mehr wir lernen, desto mehr wissen wir, wieviel wir noch zu lernen haben.

Und das ist ein unglaublich erfüllendes Gefühl.
Der Weg ist das Ziel.

Zu oft sehe ich TänzerInnen (meistens Spezialisten in „nur“ einem Tanzstil), die glauben, sie wären angekommen. Sie wissen alles und können nichts mehr oder nur ganz wenig lernen. Uiuiuiui…

Bescheidenheit ist für mich die wertvollste Eigenschaft eines Menschen. Sie öffnet Türen für alle anderen positiven Eigenschaften eines Menschen.

Ohne Bescheidenheit verschließen wir uns in unseren kleinen Mikrokosmos und unsere Horizonte schrumpfen zusammen wie die Garnelen in der heissen Pfanne. (Das finde ich übrigens sehr gemein. Ich liebe große Garnelen.)
Dieser Vorteil ist für viele weniger offensichtlich, aber für mich ist er der wichtigste von allen.

Fazit

Ach, ich könnte ewig weiter die Vorteile aufzählen, warum es doch besser ist, wenn man mehrere Tänze tanzt/lernt.
Ooooooops!
Jetzt habe ich mich gerade verraten. Ich bin doch parteiisch! Ich bin doch für die Vielfalt im Social Dance.

Was für eine Überraschung!

Also ja, Conny und ich leben, atmen, trinken, essen und zelebrieren die Vielfalt im Social Dance. Wir finden sie toll. Sie gibt uns Energie, Motivation und Inspiration. Sie gibt uns die Möglichkeit, uns in mehreren Tanzszenen zu bewegen und verschiedene Kulturen und Sichtweisen kennenzulernen. Dadurch bleiben wir immer offen und bereit, unseren Stil (egal welchen) jederzeit anzupassen, zu verändern, zu optimieren. Wir bleiben bescheiden und dennoch haben wir ein hohes Maß an Sicherheit und Selbstbewusstsein, da wir einen ziemlich guten Überblick über die vielen verschieden Techniken haben.

Aber die Herausforderungen, die ich am Anfang aufgezählt habe, bleiben trotzdem präsent.Wir sollten sie nicht ignorieren. Wir sollen uns bewusst sein, dass alles zugleich einfach nicht gut ausgeht.
Conny und ich fokussieren uns immer wieder über kurz oder etwas länger einem spezifischen Tanz. Wir spüren dann, wie viele Fortschritte wir dadurch in relativ kurzer Zeit erreichen können.
Dann wechseln wir das Thema. Ein anderer Tanz rückt dann mehr in unseren Fokusbereich.

Aber unsere Augen glänzen immer durch unsere Neugierde und den Entdeckungsgeist.
Es wird alles so spannend und interessant, wenn man die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Tänzen herstellt. Wahnsinn. Man verliebt sich immer in ein und denselben Tanz neu.

Ok, ich glaube, du hast es verstanden. Ich höre jetzte auf, bevor es zu kitschig wird. Und vor allem zu lang.
Ja, wiedermal… 🙂

Was meinst du dazu? Was sind deine Herausforderungen im Tanz? Würdest du dem etwas  hinzufügen? Lass dein Kommentar im FB und/oder direkt im Blog. Ich freue mich über jede Meinung!

Try other dancestyles,
Dance & Make A Difference