Nein, das ist kein Wortspiel, kein Rätsel oder Ähnliches….auch wenn es so klingt. 😉

In der Leadership- und Managementliteratur schreiben viele weltberühmte Coaches, dass die besten und effektivsten Leader eben nicht einen autoritären, alles bestimmenden und diktatorischen Führungsstil haben sondern einen Führungsstil, der ihre Teammitglieder motiviert und inspiriert, und sie befähigt, das Beste aus sich zu machen.

Man kann natürlich anfangen, darüber zu diskutieren – aber das werden wir nicht! 😉 Wir nehmen das jetzt einfach so hin, akzeptieren diese Theorie und nutzen sie als Inspiration für eine etwas andere Sicht im Social Dance als sie normalerweise üblich ist.

Für normal wird eben folgender Mythos gehalten:

Der Mann führt, die Dame folgt.

Wieso soll man jetzt daran rütteln? Es hat sich seit Jahren bewehrt.

Wegen des Grundprinzipes der menschlichen Interaktion:

Zusammen sind wir gemeinsam und weniger einsam! 😀

OK, vielleicht ist das nicht unbedingt DAS Prinzip der menschlichen Interaktion, aber es klingt mal lustig und positiv.

Eigentlich will dieser lustiger Satz aussagen, dass zwei mehr kreieren können als einer. Wow, was für eine Rechnung, gell?

Jede Führung bedingt im Anschluss ein Folgen

Jeder Follower reagiert auf eine Führung anders, denn jeder Mensch ist anders. So werden die Reaktionen unterschiedlich sein. Mal wird der Follower große Schritte tanzen, mal kleine, Schwung aufnehmen oder Abbremsen.

Er wird schlicht und ergreifend auf einen Impuls reagieren. Im selben Moment übernimmt er die damit die Führung, denn der Leader ist nun gefordert, der Reaktion seines Impulses zu folgen, um die Harmonie aufrecht zu erhalten, um den optimalen Ausgangspunkt für eine neue Führung herzustellen.

Genauso sollte der Follower dem Leader die Möglichkeit geben, seine Reaktion nachzuvollziehen. Denn nur dann wird es dem Leader möglich sein, auf den Follower einzugehen und ihm zu folgen.

Beschrieben mag es vielleicht ein wenig kompliziert klingen, aber eigentlich ist es ganz einfach. Es ist ein Ping-Pong Spiel, eine Kommunikation, in der beide sich dem Fluss des Gespräches hingeben…ohne Protokoll oder vorgefertigten Fragen.

Wenn man diese Art von Lead and Follow ein wenig geübt und inhaliert hat, dann kommt die nächste Stufe:

Die Magie des Freiraumes

Die eigentliche Magie dieses Zugangs liegt daran,  dass der Leader im Social Dance nicht die ganze Zeit für alles verantwortlich ist, und immer er alleine für die Richtung und den Kurs des Tanzens sorgen muss. Es wäre seine Entscheidung, auch dem Follower eine Initiative zu überlassen. Dafür müsste er einen Freiraum kreieren, in dem sich der Follower befähigt und unterstützt fühlt, seinen oder ihren Einfluss auf den Verlauf des Tanzes auszuüben.

Das macht den Follower aktiverererer und damit auch sensiblerererer für die Signale des Leaders. Die Interaktion zweier TänzerInnen wird dadurch um einiges intensiverererer als wenn einfach einer „nur“ führt und der andere „nur“ folgt.

In solchen magischen Momenten entsteht ein wundervolles WIR, eine Synergie, eine neverending Quelle der Inspiration und des neuen Inputs für beide Beteiligte.

Ich meine damit aber nicht, dass die Follower jederzeit und nach Belieben die Führung den Leadern wegnehmen können und sollen. Nein. Das würde zu Verunsicherung des Leaders und einem unharmonischen Verlauf des Tanzes führen. Der Follower sollte vielmehr trainieren,  sich  Freiheiten innerhalb des Führungsrahmens des Leaders zu suchen und zu finden. Ich weiß, es klingt einfacher als es in Wirklichkeit ist.
Aber mit der Kooperation des Leaders wird alles viel leichter. 😉

Der Leader könnte für den Follower einen Freiraum oder eine Art Einladung schaffen, in dem seine ganze Körperhaltung, seine Führung und die Connection auch einladend wirkt. Mit anderen Worten. Er kann dem Follower mit gaaaaaanz lockerer Connection nur die Richtung des nächsten Moves zeigen (eine einfache Drehung, oder ein einfaches Pass By) ohne zusätzliche Führungsenergie. Wenn der Follower halbwegs erfahren, selbstbewußt und tanztechnisch versiert ist, könnte er oder sie hier ihre Chance „wittern“, etwas eigenes aus diesem neuen „Raum“ zu gestalten. Dadurch könnte der Follower diesem an sich einfachen und klassischen Move einen einzigartigen und originellen Glanz und Aura verleihen.  Durch seine eben etwas andere Reaktion als erwartet könnte der Follower den Leader dadurch inspirieren, vielleicht einen anderen Weg einzuschlagen, als er schon geplant hatte. Einen Weg, der seine Tore der Kreativität öffnet und für etwas komplett Neues sorgt.

Klingt einfach? Ist es auch!


Paradigmenwechsel im Social Dance

Wenn es nur nicht dieses Paradigma des Führens und Folgens geben würde, das uns schon so lang begleitet: diese Wahrnehmung, dass der Leader IMMER führt und der Follower IMMER folgt.

In seinem wundervollen und wahnsinnig inspirierenden Buch „7 Wege zur Effektivität“ beschreibt Stephen R. Covey drei Stufen des menschlichen Reifekontinuum vor allem in Verbindung mit dem dazugehörigen Paradigma bzw. der Wahrnehmung.

  • Abhängigkeit (Dependenz), 
  • Unabhängigkeit (Independenz) und 
  • Wechselseitige Abhängigkeit (Interdependenz).

Abhängigkeit ist ein DU-Paradigma. Du bist schuld…, wegen dir musste ich…, du musst für mich sorgen…, ich kann das nicht ohne deine Hilfe… Sie führt zur Selbstentmachtung und immer wieder aufkommenden Ausreden, warum etwas nicht geklappt hat und warum es OK ist, dass wir scheiterten.

Das ist die unterste Stufe der Reife.

Wer will schon abhängig sein?

Eben…

Unabhängigkeit ist ein ICH-Paradigma. Ich kann das…, ich bin selbständig…, ich werde das tun…, ich kann wählen…, ich entscheide mich…

Unabhängigkeit ist toll. Sie gibt uns ein Gefühl der Zuversicht und Sicherheit.

Es ist auch eine moderne Erscheinung, von der sich aber viele Menschen zu viel erwarten. „Ich muss mich von den Fesseln der Umgebung, der Familie, des Partners oder meiner Firma lösen. Ich kann das. Ich brauche niemanden dazu. Ich bin unabhängig.“

Zu viel Unabhängigkeit ohne sie mit der Interdependenz zu kombinieren führt zum Egoismus.

Wer möchte als ein Egoist bezeichnet werden?

Eben…

Interdependenz ist ein WIR-Paradigma. Wir können das…, wir kombinieren unsere Fähigkeiten und Talente und machen es viel besser als einer alleine…, wir sind stärker…

Das ist natürlich die höchste der drei Stufen. Man ist sich seiner eigenen Macht und des Einflusses bewußt, aber man weiß auch, dass in Verbindung und Kooperation mit anderen noch viel mehr herauskommen kann als wenn man alleine dahinwerkeln würde.

Abhängige Menschen brauchen andere, um zu bekommen, was sie wollen. Unabhängige Menschen können durch ihre eigenen Bemühungen das erreichen, was sie wollen. Interdependente Menschen kombinieren ihre eigenen Bemühungen mit denen anderer, um zu größerem Erfolg zu gelangen.

Wer will nicht mehr in seinem Leben schaffen?

Eben… 😉

Social Dance ohne ein WIR-Mindset kann langfristig nicht sehr gut für beide Partner im Tanz funktionieren. Nicht ohne aktive Beteiligung beider Seiten in dem Prozess der Entstehung.

Diese Denkweise hat meine Ehe mit Conny zu einer wundervollen Synergie zweier an sich  unabhängiger Menschen gestaltet, die wußten, dass sie zusammen viiiiieeeeeeeel mehr bewirken könnten als jeder für sich alleine. Diese Art des Umgangs miteinander setzt sich natürlich auch in unserem Tanzen fort und in der Art, wie wir mit unserer Umgebung interagieren.

Und jedes Mal lernen wir dabei mehr über uns selbst. Weil wir versuchen, die Welt mit den Augen des anderen zu sehen, sieht die Welt immer ein wenig anders aus als wir das letzte Mal hingesehen haben.

Dieser Paradigmenwechsel, die Fähigkeit unsere Wahrnehmung, wie die Dinge sind und wie sie sein sollten, zu verändern, ist wahrscheinlich eine der wichtigsten Fahigkeiten der Menschen. Und eine, die leider zu wenig benutzt wird. Dadurch fühlen sich so viele Menschen nicht verstanden.
Dadurch entstehen auch Kriege.

Fazit

So wie Yin & Yang Zeichen zeigt: In jedem Führen sollte es ein wenig Folgen geben und in jedem Folgen ein wenig Führen.
Dadurch wird dem Tanz ein Leben eingehaucht. Der Tanz wird lebendig, dynamisch und nicht vorhersehbar (im positiven Sinne).
Der Tanz wird einzigartig.

Diese Art, den Social Dance zu sehen, motiviert und inspiriert Follower und Leader mehr miteinander zu interagieren, mehr aufeinander zu hören, mehr aus dem Tanz zu machen als sich nur gemeinsam in die „richtige“ Richtung zu bewegen.

Allerdings ist das Ganze für beide Partner gleichzeitig auch sehr herausfordernd, da wir „gezwungen“ werden, ausserhalb der Box zu denken und zu handeln. Es zwingt uns, unsere Vorstellung der Realität zu verändern und anzupassen. Und das kostet immer Energie.

Aber wenn wir es als einen Vorteil für uns beide annehmen können, dann bekommen wir noch viiiiieeeeel mehr Energie zurück als wir investiert hatten.

Wenn ich (egal in welchem Tanzstil) einer Dame mehr Freiheit im Tanz schenken kann, strahlen ihre Augen viel mehr und sie scheint „fröhlicher zu tanzen“. Für mich ein Grund mehr, es weiter so zu machen. 🙂

Ich schließe den Artikel mit Worten eines lieben Tänzers von uns ab:

Happy wife – happy life! 🙂

Was meinst du? Kannst du mit unseren Gedanken etwas anfangen? Wie immer freuen wir uns auf dein Kommentar und einen Austausch, denn wie schon oben beschrieben, wir lieben es unser Paradigma und Weltbild durch andere Meinungen zu bereichern oder zu verändern. 😉

Dance & Make a Difference