Dieser Beitrag ist auf der Basis unseres insgesamt zweiten Social Dancing Talks entstanden. Dieses Mal durfte ich Marc Heldt zum Thema – sind Jack & Jill Competitions auch für Salsa und generell für die Afro Latin Community sinnvoll und interessant? – interviewen.
Wie man sich vorstellen könnte, taucht diese Thematik auch in brisante Bereiche ein. 😉

Aber wer ist Marc Heldt? Und wer sind diese Jack und Jill überhaupt?
Das könnten doch für einige Leser die ersten Fragen sein…

OK, schön der Reihe nach…

Wer ist Marc Heldt?

Marc Heldt ist ein ehemaliger Turniertänzer, der nach der aktiven Turnierzeit seine Liebe im Social Dance gefunden hat. Konkret – im West Coast Swing. Er ist der Inhaber der Tanschule Dresen in Düsseldorf und ist einer der wichtigsten und einflussreichsten WCS-Instruktoren in Europa. Darüber hinaus ist er auch Juror bei vielen WCS-Competitions.

Wir durften ihn selbst als einen fantastischen Lehrer mit unglaublich viel Wissen über den Tanz und das „Drumherum“ kennenlernen.

In meinem Artikel über die 10 Gründe, warum man WCS tanzen sollte, habe ich erwähnt, dass wir ihn bei seinem WCS Intensive Seminar in Wien kennen und schätzen gelernt haben. Vor allem schätzen wir seinen Weitblick (das „Drumherum“) und seinen ganzheitlichen Zugang zum Social Dance und den Menschen in der Community.

Wer sind die Jack und Jill?

Natürlich ist diese Frage falsch gestellt. Die richtige Frage sollte natürlich lauten: was sind Jack and Jill Competitions?

In der Swingwelt gibt es eine seeeehr lange Tradition dieser Competitions. Hier sind die wichtigsten Kategorien:

  • Strictly (mit dem eigenen Partner zur beliebigen Musik)
  • Classic (eigener Partner und eigene Musik)
  • Showcase (eigene Musik und viele Power Moves & Lifts)
  • Jack & Jill – beliebiger Partner und beliebige Musik

Die letzte der genannten Kategorien – Jack & Jill (JnJ) – ist nicht nur die am weitesten verbreitete sondern praktisch auch die Wirbelsäule der anderen.

Wie Marc im Interview bereits erklärt hat, melden sich die Leader und Follower in dieser Kategorie unabhängig voneinander an und werden in verschiedenen Heats einander zugelost. Jeder einzelne wird individuell gewertet – im Finale jedoch dann meist das gesamte Paar.

Die wichtigsten Kriterien sind die drei großen Ts – das Timing, die Technik und das Team Work!

  • Timing – Wird die Rhythmik der Musik passend umgesetzt?
  • Technik – Wie ist die Qualität des Gewichtstransfers (kontrolliert, glaubwürdig, authentisch und ästhetisch)?
  • Team Work – Stimmt das Teamwork im Paar? Denn nicht die Performance des einzelnen ist wichtig, sondern die Harmonie und der Gesamtausdruck des Paares.

Um die Standards zu definieren, nach denen gewertet werden soll, gibt es eine Dachorganisation: Das World Swing Dance Council .

Dieses ist in erster Linie für die Erstellung des Reglements, der Kriterien und Richtlinien der Competitions zuständig. Hinzu kommt noch die Auswertung und Bekanntgabe der vergebenen Punkte.

Rund um dieses Council haben sich Menschen gesammelt, die die Kultur und Tradition der Swingtänze erhalten wollen aber auch gleichzeitig dafür sorgen, dass sie „future proof“ werden. Sprich, dass der Tanz auch mit der Zeit geht.

Was ist der Beitrag der JnJ  Competitions für die Social Dance Community?

1. Das erste und wichtigste ist das Schulen und Fördern der Social Dancing Skills


Ein JnJ Champion ist vielmehr auch der Champion des Social Dance Floors als der Bühne. Er oder sie wird zu einem wahren Botschafter der Community, zu einem echten Vorbild in jeglichem Sinne. Die besten JnJ Competitors sind auch die besten TänzerInnen auf dem „echten“ Floor. Denn sie sind geschult mit unterschiedlichen PartnerInnen möglichst harmonisch und spontan zu tanzen. Durch die Competitions sind sie trainiert, immer den „besten“ Ausgang auch aus einer Misskommunikation zu finden.;-)

Sie schauen immer gut aus und noch wichtiger – sie lassen den anderen auch möglichst gut aussehen. Bei JnJ geht es nicht um den „Show Off“-Part sondern um das „Gesamtpaket“. Nur das zählt.

2. Es gibt eine Art Kodex bzw. eine Guideline


Nach diesen orientieren sich alle Beteiligten (die Wertungsrichter und die Competitors)
Die Guideline gibt einen Anhaltspunkt. Es ist kein Gesetz, das alle blind und ohne zu fragen zu befolgen haben, sondern vielmehr eine Empfehlung. Die ist aber klar, kurz und logisch, dass sie schwer in Frage gestellt werden kann. Somit können sich auch Trainer an Standards orientieren und damit verschiedene Levels besser unterrichten.

3. Man braucht keinen fixen Partner 


Man meldet sich immer alleine als Leader oder Follower an, selbst wenn man an sich einen Partner hat.
Natürlich ist das Training auch wichtig und da kommt man meist um einen Trainingspartner nicht herum. 😉

Aber dieser Trainingspartner bzw. –partnerin kann auch wechseln. Oder man übt durch das viele Tanzen mit vielen verschiedenen PartnerInne auf dem Social Dance Floor – bei Events. Dadurch wird der Partnerwechsel für alle interessant und man versucht, mit möglichst vielen unterschiedlichen TänzerInnen zu tanzen. Dadurch wird man vielseitiger und flexibler in seinen Skills. Ich kenne einige, die gar keinen fixen Partner haben und trotzdem (oder gerade deswegen) ziemlich gut in den Competitions unterwegs sind.

4. Alle gehen sehr respektvoll und freundlich miteinander um

Sie müssen ja auch – denn du weißt nie, wer dir zugelost wird. Oder von wem du bewertet wirst. Wir alle wissen, wie schwierig (oder unmöglich) es ist, mit jemanden zu tanzen (gar zu performen), mit dem man menschlich und emotional eine schlechte Basis hat.
Dadurch ergibt sich eine gesunde unterstützende Umgebung mit viel Respekt und Verständnis, in der neue TänzerInnen hervorkommen und wachsen können.

5. Ein buntes Miteinander


Bei vielen Turnieren gibt es auch die Pro-Am Kategorie, in der Pros mit den Amateuren zusammengelost werden. Da geht es natürlich um die wahren Social Dancing Skills, denn die Devise lautet – den anderen scheinen zu lassen und nicht selbst zu glänzen.
Ich finde es einfach nur großartig. Da kann es dir als frischer Newbie passieren, dass du mit Namen wie Jordan Frisbee, Tatiana Mollman, John Lindo, Jessica Cox, Tessa Cunningham, Myles Munroe, Michael Kielbasa und vielen vielen anderen Superstars der Szene im Spotlight tanzt. Wenn das einen nicht als TanzerIn wachsen lässt, dann weiß ich auch nicht weiter. 😉

6. Klare Erwartungen und Kriterien

Durch klare Kategorien und Divisions gibt es auch keine Verwechslungen.
Es gibt klare Erwartungen, was in jeder Kategorie wichtig ist.
Die Voraussetzungen für die Wertungskriterien der Novice-Division unterscheiden sich eindeutig von der Advanced-Division. Dadurch wird ein Competitor, der zwar sehr kreativ und fancy aber ohne solider Technik der Basics tanzt, beinhart nicht weiter gewertet. Also kommt er oder sie nie weiter  ohne an seinen Basic-Fähigkeiten zu arbeiten.

Das Fundament kommt zuerst. Dann wird alles andere darauf aufgebaut…

In den US-Open (wahrscheinlich die wichtigste Swing Competition) Competitor-Guidelines steht es so:

„While providing a good show is one aspect of presentation, a good show is not a substitute for good dancing.“

(Während eine gute Show nur einen Aspekt der Gesamtvorstellung darstellt, ist sie kein Ersatz für gutes Tanzen!)

Gibt es Nachteile von JnJ?

Competitions jeder Art sind natürlich eine spezielle Sache für sich. Es entsteht eine Art Konkurrenz- und Vergleichs-Mentalität. Es liegt in der Natur der Sache.

„Und? Wie viele Punkte hast du gemacht? Ach sooo? Hast du es gar nicht ins Finale geschafft? Schön blöd!“

Der sogenannte Punkte-Snobismus… passiert überall und immer wieder.
Laut einigen TänzerInnen aus der Swing Community, die ich interviewt habe, halten sich aber solche Entwicklungen eher in Grenzen.

Bei Jack & Jill Competitions geht es in erster Linie um den Spaß am Social Dance in seiner simpelsten Form – zwei Menschen kommen zusammen und versuchen das Beste aus ihrer tänzerischen und zwischenmenschlichen Beziehung zu machen. Punkt!
Das wird hier sehr zelebriert.

Aber natürlich gibt es immer wieder Überehrgeizige, die die Ergebnisse etwas zu ernst nehmen und dementsprechende Energie verbreiten.
Die meisten aber (vor allem die Novizen und die Top-Leute) sind mit einem sehr positiven Mindset dabei und tragen viel zu einem sehr lockeren und unkomplizierten Miteinander bei.

Und jetzt kommen wir zur Frage der Fragen:

Ist Jack and Jill für Salsa & Co.?

Hast du dir eine eigene Meinung über das Thema JnJ bereits gebildet? Was meinst du: eignet sich Salsa, Bachata und Co. für die Jack and Jill Competitions?

Ich denke sehr wohl! 

Wie Marc es auch im Interview sagt: „Jeder Tanz, in dem es nicht abgesprochen ums Führen und Folgen geht, eignet sich für JnJ Competitions!
Jeder ist natürlich gefragt, sich seine eigene Meinung zu bilden. Bitte verwende dazu nicht nur die oben genannten Argumente. Auch online gibt es viel zu diesem Thema.
Ich habe lediglich probiert, hier einen kurzen Überblick zu schaffen, damit man es besser verstehen kann. Vor allem wenn man mit dem Thema bis jetzt keine oder wenig Berührung gehabt hat.

Ich persönlich finde, dass die Jack-and-Jill-Mentalität und der daraus resultierende Zugang genau der Afro-Latin-Szene seeeeeehr gut tun würde. Speziell im Salsa!

Warum im Salsa?

Weil die Qualität des Social Dance dadurch steigen würde.
Weil die Basics und Fundamente jedes Tanzstiles mehr in den Vordergrund rücken würden als Eye-Catcher-Fancy-Moves!
Weil es weniger Verwechslungen zwischen Bühnen- und Dancefloormoves geben würde.
Weil es zu mehr Struktur und Qualität im Unterricht führen würde!
Weil es ein respektvolleres und freundlicheres Miteinander fördern würde!
Weil dadurch auch die coolen Kids mit den ein wenig schüchternen tanzen würden – eben einfach gelost wird.

So könnte ich bis morgen Argumente und Gründe weiter aufzählen.

Ich kann aber die Zukunft nicht voraussagen. Ich weiß auch nicht wirklich, ob das alles stimmt, was ich da geschrieben habe.

Die Vorstellung davon gefällt mir aber sehr gut! Es könnte klappen.
Die Swingszene zeigt es ja schon seit Jahrzehnten vor. Es wäre einen Versuch wert. Man müsste das Rad nicht neu erfinden. Es ist schon alles vorhanden. Man müsste es nur „umfunktionieren“ und anpassen.

Was meinst du? Kannst du dir Jack & Jill im Salsa vorstellen?
Was spricht dagegen? Oder habe ich etwas in meiner Argumentation verpasst? Ich bin wie immer für neuen Input sehr offen. 😉

Nur so nebenbei, wir tüfteln schon an der nächsten JnJ Salsa-Competition in Graz! 😉
Infos kommen bald… 😉

 

Meet Jack & Jill,

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