Dieser Artikel hat ein wenig länger gebraucht, um aus meinem Kopf, dem Herzen und dem Bauch in die Öffentlichkeit zu gelangen.
Vielleicht deswegen, weil das Thema sehr verworren aber auch tief berührend ist.

Es ist mir ein Anliegen, dich auf meine Gedankenreise mitzunehmen. Mitzunehmen in eine Überlegung der Befreiung von äußeren Umständen, die dir nicht nur im Tanzen sondern vielleicht auch in deinem übrigen Leben den Freiraum schaffen könnte, den du dir immer gewünscht hast.

Ich bin dankbar, in einer Gesellschaft und politischem System geboren worden zu sein, die dir die folgenden Überlegungen auch ermöglichen. Ich bin dankbar, in einer Familie aufgewachsen zu sein, die das liebevolle Miteinander von Beginn an in den Mittelpunkt ihres Tuns gestellt hat.

Dado hingegen hat durch den Krieg auch andere Erfahrungen gemacht. Er dient für mich als Beispiel, dass du diese Gedanken und diese Werte auch TROTZ äußerer Einschränkungen leben und für deine Zukunft nützen kannst. Er ist einer meiner größten Lehrer, denn er lernt mir jeden Tag, dass die innere Einstellung deine Welt bestimmt.

Nicht umgekehrt, wie das nur zu oft der Fall ist….
Nun gut…so viel zur Einleitung. Doch wo führt das Ganze hin, was möchte ich genau mit diesem Artikel bewirken, und was haben diese Gedanken mit dem Tanz zu tun?

Gut, dass du fragst! 😉 Denn manchmal überkommen mich die philosophischen Gedanken, sodass ich gar nicht mehr aufhören kann, über die Welt und das Sein nachzudenken – und das könnte dann für dich schon ein wenig langatmig werden. 😉

Und da sind wir schon Mitten im Thema – der TANZ hilft mir, das Leben und die Welt im Kleinen zu erkennen. Er hilft mir, zu lernen und zu erfahren, was mich persönlich bewegt.

Ich glaube, wir leben in einer Zeit, die nicht nur durch die Schnelllebigkeit sondern auch durch die Vernetzung sehr viel von jedem Individuum abverlangt. Manchmal zu viel, vor allem dann, wenn es um seine eigene Rolle in diesem Spiel geht.

Wo bin ich und wo möchte ich hin?

Hinzu kommen die schier unendlichen Möglichkeiten, die den meisten Menschen in unseren Breitgraden offen stehen.
Das kann einfach manchmal überfordern.

Die Schuld

Damit kommen wir zu einem zentralen Thema, das für mich vielleicht auch als Resultat dieser Zeit erkennbar ist, und das viele Tanzpaare oft im Tanzen erfahren – die SCHULDZUWEISUNG.

Vielleicht hat die Begegnung mit der Schuld damit zu tun, dass ich älter werde. Aber vielleicht ist es auch tatsächlich ein vermehrtes Erscheinungsbild unserer Zeit.
Egal ob ich einem Tanzpaar zusehe, das versucht eine Bewegung zu erlernen, ob ich Diskussionen im Fernsehen beobachte, Berichte über Fehlverhalten verfolge oder auch in persönlichen Gesprächen versinke, das Außen wird oft für das Innen verantwortlich gemacht.

Ist das falsch?
Nein, nur menschlich…
Aber…
Es macht etwas mit dir, das ich versuchen möchte, mit diesem Artikel ein wenig zu verändern.

Diese Schuldzuweisung macht uns abhängig von dem Außen. Sie beschränkt uns in unserer Freiheit. Auch im Social Dance… 😉

Der Artikel von letzter Woche über Jack & Jill Competitions hat mir wieder sehr deutlich gemacht, was diese für unseren Social Dance bewirken können.

Eine Nebenwirkung des Ganzen: die Frage nach der Schuld reduziert sich. Denn durch den häufigen Partnerwechsel in Stresssituationen wirst du unweigerlich darin trainiert, dein eigenes Verhalten und die Auswirkungen dessen, immer weiter zu analysieren und zu optimieren.
Nicht das Verhalten der anderen zu kontrollieren. Oder die Ausreden bei anderen zu suchen, warum du nicht weiter gekommen bist.
Dadurch erweitert man seinen eigenen Einflussbereich.

Die Auswirkungen unseres Verhaltens auf unsere Umgebung

Und schon eröffnet sich die nächste zentrale Frage: „Wie wirkt sich mein Verhalten auf die Erfahrungen, die ich mache, aus“?
Nur immer und in jeder Lebenssituation! – wie Dado jetzt als Antwort geben würde. 😉

Ich glaube, dass sich jeder einzelne von uns dringend von dem Gedanken lösen muss, Verhalten von Menschen verändern zu können/müssen …. in Beziehungen, Arbeitsprozessen, Tanzpartnerschaften etc.

Die einzige Möglichkeit, die ich erfahren habe, wie sich das Verhalten von anderen Menschen verändert, ist dann, wenn ich mein Verhalten ihnen gegenüber verändert habe. Dann auf einmal verändert sich meine Welt und Wahrnehmung…

Ich bewundere Menschen zutiefst, die diese Überzeugung auch trotz Einschränkung von politischen, religiösen, familiären oder anderen äußeren Systemen schaffen – die trotz Verfolgung diese Überzeugung leben.
Deswegen ist es für mich oft umso unverständlicher, warum gerade Kulturen wie unsere, damit meiner Meinung nach zunehmend ein Problem haben.

Die Rolle der Frau in der Gesellschaft

Auch wenn ich mir damit vielleicht einige Gegner machen könnte, ist es mir ein Anliegen auch dieses heikle Thema anzusprechen.
Für mich beginnt die Rolle der Frau in einer Gesellschaft damit, dass die Frau diese Rolle, die sie haben möchte, lebt. Ich möchte mich nicht soweit in Kulturen hineinwagen, die Frauen noch heute unterdrücken, sondern spreche von unseren Breitengraden, in denen wir uns das Recht erkämpft haben, dass die Frau als gleichwertiger Mensch gesehen wird. Ich empfinde das zumindest so, denn es ist in meinem Kopf so.

Mir ist gerade bewusst geworden, dass all diese Gedanken etwas verwirrend für dich sein könnten. Ich bitte dich trotzdem noch dran zu bleiben, es folgt eine Auflösung. Versprochen. 😉
Ich bin mittlerweile der Überzeugung, dass wir daran arbeiten sollen, diese Gedanken in jungen Frauen und Mädchen zu verankern.

Ich fühle mich als Tänzer. Denn für mich kann ein Tänzer sowohl männlich als auch weiblich sein. Genauso wie ich mich als Mensch fühle, der auch einen männlichen Artikel hat.
Gendern hin oder her – und diese Diskussion möchte ich hier vermeiden. Schlussendlich löst es für mich das Problem nicht, das vielleicht immer noch im Inneren von vielen Frauen und Mädchen besteht.

Es beginnt damit, wie ich mich selbst sehe…

Das streift auch das zweite Thema…

Sexuelle Gewalt in der Social Dance Community

In den letzten Monaten gab es leider wieder einen tragischen Vorfall in der Swingszene. Es wurde ein sehr bekannter Swinglehrer beschuldigt, Frauen sexuell genötigt zu haben. Ein Aufschrei ging durch die Szene, und auch wir waren persönlich sehr geschockt, zumal dieser Lehrer auch zwei Mal auf unserem Festival in Graz war.

Eines möchte ich hier klarstellen. Ich verachte zutiefst Gewalt und Nötigung – egal ob sexuell oder anders motiviert.
Solche Dinge dürfen nicht passieren, und jedes Opfer hat mein tiefstes Mitgefühl, und ich bewundere jeden, der damit in die Öffentlichkeit geht und sich auch der Bewertung und dem Druck dieses Schrittes stellt. Natürlich müssen Opfer geschützt werden. Ist es einmal passiert, gilt es zu unterstützen und auch anzuklagen.

Trotzdem hat mich eine Sache sehr beschäftigt, als ich die Reaktionen von Menschen und Frauen auf diese Anschuldigungen verfolgt habe. Der Tenor war natürlich eindeutig: „Das muss aufhören, so etwas darf nicht wieder passieren! Die Opfer sollen sprechen und müssen unterstützt werden!“

Doch wenige bis kaum jemand stellte sich die Frage:

Was muss passieren bzw. was muss sich verändern, damit das aufhört?

Eine Frau, die 5 Punkte aufzählte, was man ihrer Meinung nach tun sollte, wenn man in so eine Situation kommt, wurde wüst beschimpft. Denn man verstand es als Unverschämtheit, dass „ das Opfer“ etwas tun sollte, was gar nicht vorkommen sollte.

Ja, ich stimme dem komplett zu! So etwas soll und darf nicht vorkommen!
Aber…

Die Menschheit ist nicht perfekt, und es wird immer Menschen geben, die psychisch krank sind, die einen Hang zu Gewalt haben und die aus Machtausübung ihre Befriedigung ziehen.
Es ist utopisch zu glauben, alle anderen verändern zu können.

Vielmehr stellen sich für mich die Fragen:

„Was kann ich tun, damit diese gewaltbereiten Menschen keine oder so wenig wie möglich Macht über mich haben? Was kann ich tun, um diese Situationen zu vermeiden?
Wie schütze ich mich in einer nicht gewollten Situation?“

Und dabei geht es nicht um die Frage nach der Schuld! Verbrechen sind natürlich ein anderes Thema! Denn die Verantwortung liegt immer an dem Stärkeren, der seine Macht an Schwächeren (wie z.B. Kindern) mißbraucht!
Und Schwächere gilt es auf jede erdenkliche Weise zu schützen.

Dennoch weiß ich, dass es sich für einen erwachsenen Menschen erschreckend anfühlen könnte, sich selbst diese Freiheit und Macht über sich selbst zu zuschreiben. Aber wer soll es für mich sonst tun, wenn nicht ich selbst?
Natürlich verachte ich Lehrer oder Idole, die ihre Position missbrauchen. Für mich bedeutet das aber nur umso mehr, bereits Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen vermehrt vorzuleben, dass kein Mensch über dem anderen steht. Vielleicht hat der eine oder andere mehr Verantwortung in einem System, aber menschlich empfinde ich alle gleich.

Und genau das, ist uns auch im Tanz wichtig.
Auf der Tanzfläche finden wir dorthin zurück, wohin wir im Leben durch verschiedenste Systeme selten hin kommen…
Passend zu dem, hier der erste Satz der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“:

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“

Nur es gibt einen Haken daran…
Daran muss jeder zuerst mal selbst glauben!

Somit steht für mich auch die Prävention an einer sehr, sehr wichtigen Stelle!

Fazit

Falls du mir bis hierhin gefolgt bist, danke ich dir! Denn dieses Thema liegt mir persönlich sehr am Herzen. Und es beginnt genau in diesem Augenblick immer wieder neu in jedem einzelnen von uns.

An dieser Stelle finde ich den Satz von Viktor Frankl sehr passend:

Mensch-Sein heisst Bewusst-Sein und Verantwortlich-Sein!

Besinnen wir uns auf unsere eigene Macht über uns und unser eigenes Schicksal. Nicht auf unsere Macht über andere. Oder deren Macht über uns. Das ist die „falsche“ Macht.

Die Macht, die uns weiter bringt ist die, mit der wir unseren eigenen Einflussbereich erweitern. Diese Art Macht hat das Potential, mich als Mensch glücklicher, selbstbewusster und ausgeglichener zu machen.
Helfen wir auch „schwächeren“ Mitgliedern der Gesellschaft, genau dieses Vertrauen und diese Möglichkeiten in sich selbst zu stärken.

Klingt etwas populistisch, ich weiß…

Im Social Dance konkret sehen wir es zu oft, dass man bei den anderen die Ausreden sucht, warum man keinen Tanzpartner hat, warum man nicht weiter kommt, warum man nicht aufgefordert wird, warum man dies oder warum man das…
Die Frage ist nicht warum man….Die Frage ist warum ich….

Die erste und die wichtigste Frage sollte immer sein:

Was kann ich dafür tun, um diesen Zustand zu ändern?
Diese Frage und vor allem die Antworten darauf würden uns so viel beschäftigen, dass wir gar keine Ressourcen mehr hätten, die Schuld und die Ausreden woanders zu suchen.
Und was diese Einstellung mit unserer Umgebung, mit unserem Partner oder Partnerin machen würde, liegt damit auf der Hand.

Und wieder komme ich zu diesem Satz zurück…

Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünscht in dieser Welt!
(Mahatma Ghandi)

Ich weiß, dieser Artikel ist keine leichte Kost und vielleicht drückt es den einen oder anderen Punkt in der eigenen Seele. Danke dir, dass du meinen Gedanken bis hierhin gefolgt hast. Vielleicht hast du auch eine Ergänzung oder andere Meinung dazu?

Eventuell hast du einen Vorschlag, wie man diesen Zugang noch vermehrt leben und im Tanzen auch umsetzten kann?
Egal was…ich wäre dir sehr dankbar und würde mich sehr darüber freuen, wenn du deine Gedanken mit mir teilst.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen immer wieder den Mut zur eigenen Freiheit…denn die beginnt für mich im Kopf…

Alles Liebe

Conny