Diese Woche begannen das neue Tanzsemester und damit auch wieder viele neue Kurse. Wie jedes Mal kam es auch dieses Jahr für viele zu der alles entscheidenden Frage: „Welches Tanzlevel bin ich? Wo kann ich mich zuordnen? Und welcher Kurs macht Sinn“?
Um diese Fragen zu beantworten, muss ich ein wenig ausholen, einen Blick in die Vergangenheit und auf andere Kulturen werfen. Bitte gedulde dich ein paar Zeilen, die sicher auch dir hilfreich sein könnten.

Vor nicht allzu langer Zeit hat man den Tanz (vermehrt Ballroom) in unseren Breitengraden gleich einem Schulsystem gelehrt. Man besuchte einen Anfängerkus danach den fortgeschrittenen Kurs, um schließlich Bronze, Silber, Gold und Goldstar zu absolvieren. Die Platin und Diamant Kurse wurden erfunden, um den TänzerInnen noch weitere „Aufstiegschancen“ zu geben.
Doch dann? Was kommt dann?
Es gehörte zum guten Ton, die Kurse möglichst rasch hintereinander zu besuchen. Wiederholte man eine Kursstufe, hieß das, dass man sicher längere Zeit im Kurs gefehlt hatte bzw. eventuell nach einer längeren Tanzpause wieder einsteigen wollte.
Nie wäre man auf die Idee gekommen, „freiwillig“ ein und denselben Kurs zu besuchen, denn schließlich wollte man ja nicht „sitzen bleiben“. 😉
Was war das Resultat? Man konnte den Grundschritt, eine Figur des „F-Kurses“, und jeweils eine weitere Figur der folgenden „Medaillen“ Kursen.

Doch ist das alles?

War man dann weiter an Figuren interessiert, boten die „Hobbykurse“ Möglichkeit, noch mehr Elemente zu erlernen.
Stießen nun zwei TänzerInnen unterschiedlicher Schulen aufeinander, wurde abgeklärt, welches gemeinsames Figurenrepertoire vorhanden ist, um auf der Tanzfläche zusammen zu brillieren. Hatte man nun das Pech, unterschiedliche Figuren gelernt zu haben, kam es nicht selten zu Problemen der Tanzkommunikation.

Um dieses Dilemma zu lösen, wurde das Welttanzprogramm erfunden, welches regelt, welche Figuren zum Bronze, Silber, Gold und Gold Star Programm des Langsamen Walzers, Chachachas & Co gehörten.
Nun konnten endlich auch ein Engländer mit einem Österreicher tanzen. 😉
Das war damals….

Doch ist das das Ziel des Tanzes? 

Was ist mit dem Schulen der Eigenschaften, die es ermöglichen, mit jedem zu tanzen unabhängig davon, welche Moves er gelernt hat? Ist das nicht der eigentliche Grundgedanke von jedem SOCIAL DANCE!

Heute leben wir in einer TANZREVOLUTION. Der Tanz hat sich verändert, weil die Vielfalt viele neue Einflüsse von anderen Kulturen und deren Tänzen wie z.B. Salsa, Lindy Hop, Tango Argentino und West Coast Swing mitgebracht hat. Allesamt Social Dances…

Die folgenden Zeilen sind eine sehr verkürzte und vereinfachte Darstellung der Tanzszenen. Die ausgewählten Tänze dienen als Beispiele einer sehr variantenreichen und vielfältigen Tanzkultur. Sie sollten nur als Denkanstoß und auf keinen Fall als Bewertungsgrundlage dienen!

Tango Argentino brachte zuerst das andere Extrem. „Bevor du nicht perfekt gehen kannst, darfst du keinen anderen Move tanzen“ So erlebte die europäische Tangoszene zunächst einen langsamen Zuwachs, denn das stundenlange Schreiten durch den Saal war für viele nicht unbedingt erfüllend. Ein paar harte „Tangueros/as“ blieben übrig, die meisten anderen zweifelten an ihrem Vermögen, jemals diesen Tanz zu erlernen. ABER…TangotänzerInnen entwickelten eine unglaubliche Tiefe und Gefühl für den Tanz, den Partner bzw. die Partnerin und erreichten – sofern sie durchhielten – eine beinahe unvergleichliche Tanzqualität.
Heutzutage hat sich der Tango ein wenig verändert, und auch der Zugang wurde weicher und offener.

Im Salsa setzte man sich als Ziel, möglichst viele Figurenvariationen in möglichst kurzer Zeit zu vermitteln. Drehe mehr, schneller und öfter. Wer im Salsa jedoch zu schnell neue Figuren lernt, ohne die Basics zu automatisieren, wird schnell zu einer unkontrollierten Kanone auf der Tanzfläche. Doch diese Einstellung brachte auch viel Lebensfreude und die Neugierde mit sich. Man wollte dazulernen!
Heutzutage geht man wieder ein paar Schritte zurück und entdeckt auch andere Herausforderungen und Ansätze im Salsa, die unabhängig von neuen Figuren sehr viel Tanzspaß und vor allem Tanzqualität bringen.

Im Lindy Hop ging es oft um das Authentische, das Ursprüngliche. So kam man immer wieder zu Altbewährtem zurück, was sich mitunter Jahrzehnte nicht veränderte und noch heute gültig ist. Retro ist cool!
Dadurch waren die Moves besonders „social“ tauglich, weil sie schon oft erprobt waren und die erfahrenen TänzerInnen diese kannten.
Doch heutzutage beginnt man auch im Lindy Hop weiter zu experimentieren und „Neues“ auszuprobieren.

Der West Coast Swing sehr beeinflusst durch verschiedenste Tanzszenen sowie der aktuellen Musik sammelte alles was war, ist und kommen wird auf und veränderte sich ständig. Er bediente und bedient sich verschiedenster Elemente, nutzte unterschiedliche Musik und ist heute wie damals einer ständigen Veränderung ausgesetzt. Dies fordert von Tanzpartnern höchste Aufmerksamkeit, denn Improvisation ist von Beginn an mit dabei.
So lernte man von Beginn an die Tiefen der  Tanzkommunikation kennen. Gerade deswegen ist der Start für Tanzneulinge oft ein wenig hart. Hat man jedoch die erste Hürde genommen, kann man auf eine fundierte Tanzbasis zurück greifen.

Und was nun? Was hat das mit dem Tanzlevel zu tun?

Sehr viel!

Denn wie schon gesagt, wir leben in einer TANZREVOLUTION, und durch den Zugang und die Möglichkeiten der modernen Welt dürfen und sollen wir uns das „Beste“ aus all den verschiedensten Denkweisen der Tanzrichtungen nehmen.

Darüber hinaus dürfen wir den TANZ als etwas sehen, was nicht nur in „eine Szene“ zu verpacken ist. Wir können und dürfen frei wählen, was uns hilft, das Tanzen an sich zu verbessern und vor allem mehr zu genießen.

Allen voran steht die ZEIT! Zeit, zu fühlen, zu verstehen, zu üben, zu automatisieren und zu genießen.

Es sollte nicht darum gehen, wie in der Schule, möglichst schnell ans Ziel zu kommen, sondern darum, den Tanz für sich ganz individuell zu entdecken.
Es sollte nicht darum gehen, möglichst viel, sondern möglichst tief in verschiedenste Themen einzutauchen. Es geht darum, nicht nur sich selbst sondern im SOCIAL DANCE auch seinen Partner bzw. seine Partnerin zu spüren. Qualtiät ist oft erfüllender als Quantität!

Und all das funktioniert nicht, wenn man von A, nach B zu C tanzt.

Zumindest funktioniert es nicht „unbedingt“ so, denn das wichtigste ist, JEDER/JEDE ist anders, lernt verschieden schnell und benötigt unterschiedliche Tools.

Erfahrungsgemäß sind wir aber der Überzeugung, dass viele zu schnell aufsteigen. Bzw. zu wenig tatsächlich auf Tanzveranstaltungen tanzen, um das „neu Gelernte“ zu verarbeiten. Denn die freie Übungszeit beschleunigt natürlich den Lernerfolg unglaublich. Es gibt keine Formel, die wir hier weiter geben können, denn wie schon gesagt, jeder und jede ist verschieden.
Fakt ist, um die Social Dancing Skills zu entwickeln, braucht man ein wenig Zeit, in der man sich mit dem bereits Erlernten auseinandersetzt und dieses festigt.

Denn es gilt die Tanzkommunikation zu erlernen. Das „Führen“, „Folgen“…und das Fühlen…

Der Beobachtung nach empfiehlt es sich, einen Kurs mehrmals zu besuchen. Je höher das Level desto öfter die Wiederholung.

Denn das Führen und Folgen lernt man besser, wenn man bereits Erlerntes oft wiederholt, abwandelt, ausprobiert und das Ergebnis bzw. die Reaktionen beobachtet.

Besonders erfolgreich sind jene TänzerInnen, die ein höheres und ein niedrigeres Level gleichzeitig besuchen. So haben sie die Chance, die Basis zu festigen und trotzdem immer wieder etwas Neues zu lernen.

Manchmal braucht man einfach ein wenig Herausforderung – eine Art Aktivierungsenergie – um besser zu werden. In diesen Momenten empfiehlt es sich, mal etwas Neues auszuprobieren und einen höheren Kurs zu wählen.

Manchmal benötigt man eben einfach Zeit, um in die Tiefe einzutauchen oder Gelerntes zu verarbeiten. Dann wiederhole das Level ganz in Ruhe.

Bitte mach dir keinen Level-Stress! Es sagt überhaupt nichts über die Qualität deines Tanzens aus. Höre auf dein Bauchgefühl, probiere Verschiedenes aus, wähle das, was dir ohne viel Stress Freude bereitet. (ein wenig Herausforderung darf aber ruhig sein) 😉

Nun…wie haben wir versucht, diesen verschiedensten Anforderungen gerecht zu werden?

Das Wichtigste für uns ist, das althergebrachte „Mindset“ zu verändern. Es gibt unendlich viele Kombinationen im gleichen Level. D.h. wir gestalten in unseren Clubs (höheres Level) immer unterschiedliche Kombinationen in der gleichen Könnensstufe. Die Grundelemente wiederholen sich…aber…sie werden verschieden kombiniert und immer wieder mit neuen Elementen verfeinert.

Außerdem hat man die Möglichkeit, sich als Aushilfstänzer bzw. –tänzerin registrieren zu lassen, und somit ein niedrigeres Level unter bestimmten Voraussetzung kostenlos zu besuchen.

Das schult vor allem bei den Herren die Führungskompetenz natürlich erheblich. 😉
Wir versuchen, die TänzerInnen dahin gehend zu motivieren, durchaus einmal zu bleiben, und nicht gleich aufzusteigen. Denn oft findet man in der Ruhe neue Inspiration.
Allerdings steht die Entscheidung des Tanzschülers für uns immer an erster Stelle.

Wir sind GEGEN eine BEURTEILUNG und FÜR eine BERATUNG!

Jeder/jede darf selbst entscheiden, welchen Kurs er bzw. sie wählt. Wir freuen uns jedoch, wenn man  nach unserer Meinung fragt.
Natürlich weisen wir darauf hin, wenn wir der Meinung sind, dass ein Tänzer bzw. eine Tänzerin nicht das für ihn oder sie passende Level gewählt hat. Dennoch werden wir niemanden zwingen, von seiner Vorstellung abzuweichen.

Der Text hätte eigentlich kurz werden sollen…naja…das ist mir nicht so ganz gelungen.😀

Es gäbe noch eine Menge darüber zu schreiben, aber das reicht mal für den Anfang!

So bleibt mir nur mehr, euch einen wunderschönen Tag zu wünschen und euch ein Zitat mitzugeben, welches mir persönlich sehr gut gefallen hat:

Qualität ist…eine positive, persönliche Einstellung zu ständiger Verbesserung
Qualität ist…Freude am besser werden…

(Katleen Johne)

Ich würde noch hinzufügen: Qualtiät ist…die Freude am Weg, denn der Weg ist das Ziel 😉

Dance & Make A Difference

Conny